Syndrom

Ursachen, Symptome, Diagnose

1. Ursachen

a) Mechanobiologische Ursachen

Hauptursache von RSI-Beschwerden ist definitionsgemäß die Wiederholung stereotyper Bewegungen, wie z.B. Tippen oder Klicken mit der Maus, über einen längeren Zeitraum (Wochen, Monate, Jahre) hinweg. RSI betrifft – wie jede Krankheit – nicht alle gleichermaßen belasteten Personen, sondern steht in Abhängigkeit zu individuellen physiologischen und psychologischen Eigenschaften einer Person, u.a. Regelung der peripheren Körpertemperatur, Radien der Handgelenke, gesteigerte Leistungsbereitschaft und reduzierte Körperwahrnehmung.

Durch ungünstige Bewegungsabläufe, z.B. Abknicken des Handgelenks und muskuläre Anspannungen bei Benutzung der PC-Maus und -Tastatur, kann es u.a. zu sogenannten Ko-Kontraktionen einzelner Muskelstränge im Hand- /Armbereich kommen. Diese Ko-Kontaktionen können zu Gewebsschäden auf zellulärem Niveau, sogenannten Mikroläsionen, führen. Oftmals nicht wahrgenommen bzw. ignoriert können diese Gewebsschäden auf Grund ungenügender Erholungspausen nicht vollständig ausheilen und zu größeren Schäden, z.B. einer Tendovaginitis, Epikondylitis, kumulieren.

Der schädliche Einfluss hochrepetitiver Bewegungen konnte in Tierversuchen wiederholt aufgezeigt werden. Ein solch kumulierter Defekt ist bei RSI-Patienten durch Biopsien jedoch nur schwer nachweisbar.

b) Das „Schmerzgedächtnis“

Die oben beschriebenen physiologischen Vorgänge sind zwar wissenschaftlich bestätigt, können jedoch nicht erklären, warum viele RSI-Patienten während einer längeren Arbeitsunterbrechung (Urlaub, Krankschreibung etc.) völlig beschwerdefrei sind, jedoch schon wenige Stunden nach Wiederaufnahme der gewohnten Arbeit unter dem kompletten Beschwerdespektrum leiden.

Es konnte gezeigt werden, dass unser Organismus eine begrenzte Lernfähigkeit für Schmerzempfindungen hat, ein sogenanntes „Schmerzgedächtnis“. Dieses neuroplastische Schmerzmodell geht davon aus, dass eine wiederholt unter (oftmals auch unterschwelligen) Schmerzen durchgeführte Bewegungssequenz (z.B. Tippen, Klicken) an eine Schmerzempfindung auf neuronaler Ebene angekoppelt werden kann, d.h., wird dieses bestimmte Bewegungsmuster auch nach völliger Ausheilung der oben beschriebenen Verletzungen durchgeführt, werden Schmerzneuronen aktiviert, auch wenn der akute Schmerzreiz aus der Peripherie (Arme, Hände) ausbleibt. Dies erklärt die sog. Chonifizierung eines Schmerzsyndroms, d.h. die Wahrnehmung von Schmerzen obwohl die anfangs ursächliche Verletzung längst ausgeheilt ist.

Zusammenfassend lässt sich die Entstehung von RSI-Beschwerden in 3 Phasen einteilen:

  • Phase I: Zunahme von Mikroverletzungen in akuten Überlastungssituationen
  • Phase II: Kumulation nicht-reparierten Gewebes
  • Phase III: motorisch programmierte Schmerzempfindung

Für eine genauere Beschreibung der physiopathologischen Prozesse wird auf folgende Arbeiten verwiesen: Sorgatz et al. 1994; Zilske, 1999.

2. Symptome

Erste Anzeichen eines RSI-Syndroms sind unspezifische Symptome wie spontaner Kraftverlust, Taubheitsgefühl und Missempfindungen (Kribbeln, Ziehen, Kältegefühl) zwischen Fingerspitzen und Ellenbogen; Schmerzen treten erst später auf. Häufig ändern sich die Beschwerden in Intensität und Lokation, d.h. sie können über die gesamte belastete Körperregion wandern. Nur bei ca. 10% der RSI-Patienten wird den Beschwerden eine medizinische Bezeichnung (s. unten) zugeordnet. Auch dieses gelingt nur mit eingegrenzter Sicherheit, weil die Diagnose sich häufiger aus subjektiven Symptomen, wie z. B. „Schmerz“, statt objektiven Anzeichen, z. B. verringerte Nervenleitgeschwindigkeit, ableitet.

Subjektive Beschwerden

  • Verlust an Kraft, Beweglichkeit und Sensibilität (Taubheitsgefühl)
  • Missempfindungen (Kribbeln, Ziehen, Kältegefühl)
  • Fehlbewegungen
  • Muskelkrämpfe
  • Schmerzen bei Bewegung und Ruhe

Medizinische Bezeichnungen, die auf ein RSI-Syndrom hinweisen können

  • Bursitis [Schleimbeutelentzündung]
  • Epicondylitis lateralis bzw. ulnaris [Tennis- bzw. Golfellenbogen]
  • Insertionstendopathie [allgem. Bezeichnungen, häufig bei unklarem Befund]
  • Ganglionzyste [Überbein]
  • Karpaltunnelsyndrom [Kompression des Nervus medianus]
  • Raynaud-Syndrom [Hand-Arm-Vibrationssyndrom]
  • Styloiditis ulnaris bzw. radialis [Entzündung des Griffelfortsatzes]
  • Tendovaginitis stenosans [Quervain-Krankheit]
  • Tendopathie, Tendomyalgie, Tenosynovitis, Tendovaginitis, Kettentendinose

Medizinische Bezeichnungen, die NICHT auf ein RSI-Syndrom hinweisen

  • Chronische Polyarthritis und andere rheumatische Erscheinungen, die sich als Systemerkrankungen auch in gänzlich anderen als den belasteten Gliedern ausdrücken.
  • Fibromyalgie, Fibrositis oder auch generalisierte Tendomyopathie
  • Zervikalsyndrom oder auch Zervikobrachialsyndrom: Veränderungen in der Halswirbelsäule, die zu Nervenwurzel-Reizungen führen und subjektiv als Arm/Handbeschwerden erlebt werden können. Sehr beliebte Anhiebsdiagnose aufgrund zusätzlicher Schulter – Nackenbeschwerden; ist jedoch sehr selten durch Befunde an der Halswirbelsäule belegbar.

Bezüglich des symptomatischen Verlaufs ist zu sagen, dass die Beschwerden anfangs erst nach der Durchführung der belastenden Tätigkeit (z.B. Tippen, Klicken) auftreten, über Nacht wieder verschwinden und oftmals über einen längeren Zeitraum nicht wieder auftreten. Nach weiteren Monaten bzw. Jahren unverändert belastender Tätigkeit treten die Beschwerden jedoch schon nach kurzer Zeit während der Arbeit auf, vermindern sich aber bis zum nächsten Morgen wieder. Wie oben beschrieben, können die Beschwerden nach mehrwöchigen Arbeitsunterbrechungen völlig verschwinden, nach Wiederaufnahme der Arbeit jedoch schon nach wenigen Stunden erneut auftreten. Im fortgeschrittenen Stadium kann es zu einer Ausweitung der Symptomatik auf alltägliche Handbewegungen, wie Lenken & Schalten im Auto, Schneiden, Bügeln, Zähneputzen etc., kommen.

3. Diagnose

Wie bereits erwähnt gibt es bei 90% der Betroffenen kein einheitliches diagnostisches Bild. Es gibt in Deutschland noch keine konkrete RSI-Diagnose nach ICD-10. Dies liegt hauptsächlich daran, dass auch bei den modernen bildgebenden Verfahren keine sichtbaren Krankheitszeichen / Verletzungen zu sehen sind. Die diagnostischen Maßnahmen beziehen sich auf die subjektiven Symptome und Beschwerden sowie auf eindeutig erkennbare Krankheitszeichen (z.B. Nervenleitgeschwindigkeit). Wurde eine tendomyalgische Erkrankung (s. oben) diagnostiziert, die im Verdacht steht, durch tätigkeitsbedingte repetitive Bewegungen entstanden zu sein, müssen zusätzlich Informationen aus der beruflichen Tätigkeit erhoben werden. Hierzu gehören u.a. die Gesamtdauer der repetitiven Tätigkeit in Jahren und die tägliche Gesamttätigkeitsdauer, Bewegungszyklen in Stunden, durchschnittliche ununterbrochene Tätigkeitsdauer und Pausengestaltung, Haltungs- und Bewegungsauffälligkeiten, Anordnung der Arbeitsgeräte, Analyse der benutzten Hardware und Software, sowie psychosoziale Arbeitsstressfaktoren. Stimmen diese mit dem organnahen Befund überein, ist das Stadium der Chronifizierung zu erheben und zu beschreiben.

Einen zusammenfassenden Artikel zum Thema finden Sie hier:

„Repetitive strain injuries“ – Unterarm-/Handbeschwerden
aufgrund repetitiver Belastungsreaktionen des Gewebes

von H. Sorgatz- Technische Universität Darmstadt
©- Copyright bei Springer-Verlag
Orginalveröffentlichung durch Springer Verlag in:
ORTHOPÄDE 2002 – 31: 1006- 1014 DOI 10.1007/s00132-002-0354-5
The original publication is available on LINK http://link.springer.de

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